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23.10.2008 - 23.12.2008, Berlin
I do it because they taught me to
Wir freuen uns, mit Eva Kotatkova eine junge Künstlerposition vorstellen zu dürfen, die sich in ihrer auf Zeichnung, Skulptur und Performance basierenden Arbeitsweise analytisch mit Möglichkeitsformen von Wahrnehmung befasst.
Im Zentrum der Ausstellung „I do it because they taught me to“ steht dabei der Blick auf normative Verhaltensweisen wie auch Fremdbestimmung in Bezug auf den eigenen Körper. Mithilfe eines dekonstruierenden Verfahrens, bei welchem Eva Kotatkova die Differenz zwischen einem vergangenen oder gegebenem Zustand und dessen Imitation erforscht, geht die Künstlerin dem Versuch nach, Irritation als ein Moment der Erkenntnis darzulegen. Im Prozess von Definition und Umwandlung wie auch dem Hinterfragen von Konventionen und überlieferten Maßstäben, erforscht Kotatkova die Konditionierung des Selbst, und legt damit eine von Zufall bedingte, wie auch von Didaktik geprägte Methode des Erziehens als künstlerisch-sozialanalytische Studie dar.
Ausgehend von der eigenen Person und ihrem unmittelbaren Lebensumfeld vollzieht Eva Kotatkova im Nachbilden und Wiederaufführen spezifischer Situationen (aus ihrer Kindheit) eine Art Reenactment, wobei sie im Prozess des Beobachtens, Dokumentierens und Hinterfragens von Verhaltensmustern alternative Sichtweisen generiert. So bildet das Langzeitprojekt „Walk to School“ eine generelle Basis der von Kotatkova vollzogenen Revision: in einem performativen Akt nimmt die Künstlerin dabei die Rolle eines Schulkindes ein und rekonstruiert im Verfolgen dieses Verhältnisses die Wahrnehmung ihres eigenen ehemaligen Schulwegs und -alltags. Durch den Wiedereintritt in einen Zustand, welcher sich in Abgrenzung zur Ausgangssituation als Unterscheidung definiert, verfolgt Kotatkova einen systemtheoretischen Ansatz, der in ihren Arbeiten als Re-entry in einen unreflektierten (vorbewussten) Seinszustand erscheint.
Wesentlich bei Eva Kotatkova ist die Durchdringung von Form und Inhalt ihrer Arbeiten: Zeichnungen, Objekte und Aktionen stehen durch einen übergeordneten Kontext stets in Bezug zueinander und bilden Schnittstellen wie auch Querverweise im Rahmen des wiederkehrenden Motivs der Modellhaftigkeit.
So zeigt beispielsweise die Videoarbeit „Sit straight with your arms behind your back“ dokumentarische Aufnahmen von Haltungsapparaturen, mit denen einer Reihe von Schulkindern eine genormte Blickweise und Körperpositionierung anerzogen werden soll. Kotatkova erörtert dabei das Verhältnis zum eigenen Körper, welches diesen durch eine fremdbestimmte Zwangsauferlegung zum marionettenhaften Objekt erklärt, und führt dies in ihren Skulpturen exemplarisch fort: In einem synthetisch-operativen Prozess des Umbildens werden hier Körperteile zu Prothesen, die aus Requisiten des Schulalltags bestehen und oftmals durch ein gedanklich-surrealistisches Verfahren der Transformation als ein Substitut des (freudianisch) Unterbewussten bestehen. Paradigmatisch für das Verfahren des Zersetzens einer Situation oder eines Zustands kann hierbei das Objekt „---“ betrachtet werden, bei welchem Kotatkova dem Nachbau eines hölzernen Rumpfs mit wollartigem Gedärm ihre rote Kinderjacke übergezogen hat. Der Autopsie und Verdauung des Selbst setzt sie an anderer Stelle die Nachbildung eines Klettergerüsts en miniature entgegen, welches den Rückblick auf die eigene Vergangenheit aus einer verschobenen, von Assoziation definierten Perspektive kenntlich macht.
Als Zeugnis einer von Imagination konstruierten Realität künden schließlich die tagebuchartigen Zeichnungen, welche Kotatkova mit unterschiedlichen Stiften und Papierarten im Anklang an Kinderbuchillustrationen über einen längeren Zeitraum hinweg angefertigt hat. Ausformuliert mit einem dadaistischen, der freien Konnotation folgendem Formenvokabular, stehen diese phantastisch-surrealen Grafiken als Spiegel einer inneren Befindlichkeit und sind somit den rigiden Apparaturen als Ausdruck eines inneren Gestus – in der expressiven Schreibweise einer „écriture automatique“ – entgegen gestellt.
So führt Eva Kotatkova mit der Ausstellung „I do it because they thaught me to“ dem Betrachter im Aufzeigen einer von Inszenierung getragenen Revision – ausgehend von der eigenen Person – eine exemplarische Analyse des Selbst vor. Mit einer traumdeuterischen Verfahrensweise evoziert die Künstlerin die Penetration einer inneren Schamgrenze, die im Prozess der Übertreibung einer Aufforderung gleich kommt: jener, sich einer (inneren) Barriere zu nähern und diese zu überschreiten. Durch Mittel der Hinterfragung von Sittsamkeit erscheinen Eva Kotatkovas Arbeiten dabei in der Manier eines Lehrstücks – anstelle einer Handlungsanweisung, bieten diese jedoch das Resultat einer solchen – und erörtern damit die Wirksamkeit und Prägung von äußerlich auferlegten Maßstäben wie auch die Frage nach dem Bestehen eines freien Willens.
Christina Irrgang
