2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003, 2002, 2001, 2000, 1999, 1998, 1997

 

18.09.2009 - 07.11.2009, Berlin

Heike Aumüller, Uwe Henneken, Jamie Isenstein, Eva Kotatkova, Jan Mancuska, Jonathan Monk

Je est un autre

 

Gruppenausstellung mit Heike Aumüller, Uwe Henneken, Jamie Isenstein, Eva Kotatkova, Jan Mancuska und Jonathan Monk, sowie einem Konzert von Kammerflimmer Kollektief

Wir freuen uns, mit der Gruppenausstellung „Je Est Un Autre“ Arbeiten der sechs zeitgenössischen KünstlerInnen Heike Aumüller, Uwe Henneken, Jamie Isenstein, Eva Kotatkova, Jan Mancuska und Jonathan Monk zusammen zu führen, welche in unterschiedlichen Medien mit einer surrealistischen Aneignung von Figuration arbeiten. Malerei, Installation, Film und Performance werden über die Ausstellung hinaus durch ein Konzert der Gruppe Kammerflimmer Kollektief (Heike Aumüller, Johannes Frisch und Thomas Weber) erweitert, welches am Freitag, den 25.09.2009 um 20 Uhr in unseren Galerieräumen stattfindet. Parallel zur Ausstellung präsentieren wir auf dem Artforum Berlin auf unserem Messestand zwei weitere künstlerische Positionen von Daniel Roth und Ján Mancuska, welche dort mit ihren assemblageartigen Rauminstallationen an das Konzept der Gruppenausstellung anschließen. Diese offene Form des Kuratierens soll erlauben, Verwandtschaften der zwischen Bildender Kunst, Musik und Film zirkulierenden Positionen zu erschließen, und über das spezifische Medium hinaus Raum für eine Begegnung der jeweils sehr individuellen Formensprache zu gewährleisten.

Ausgehend von der Betrachtung des Selbst treten in der Ausstellung solche Arbeiten in einen Dialog, die sich – zum Teil auf humoreske Weise – mit der Wahrnehmung, Ausformung und Brechung von Identität beschäftigen. Der Ausstellungstitel "Je est un autre" führt hierbei zurück auf einen von Arthur Rimbaud im Jahr 1871 verfassten Brief an den Literaten Paul Demeny, worin der Dichter Rimbaud seine Idee von der neuen Funktion des Dichters als Schöpfer, Magier und Seher kommuniziert. Mit der in diesem Brief festgehaltenen Formulierung „Car Je est un autre – Denn Ich ist ein anderer“ charakterisiert er das von ihm erdachte Selbst über die Entgrenzung aller Sinne, als eine aus Fragmenten komponierte Größe, welche einem Pendeln zwischen Form und Formlosigkeit gleicht. Dieses parzellierte Ich sieht Arthur Rimbaud in der poetischen Artikulation als melodisch-rhythmische Vertonung des Denkens verkörpert, welche – als Überwindung eines bloß dem Körperlichen verhafteten Selbstbildes –, die gesellschaftliche Wirklichkeit zu erkennen gewährt.

Wie der Körper selbst zum Teil und Objekt einer künstlerischen Arbeit wird, zeigt Jamie Isenstein mit ihrer Performance „Rug Rug Rug Rug Rug“. Während der gesamten Dauer der Ausstellung liegt die Künstlerin hierbei für einen von ihr definierten Zeitabschnitt mit dem Gesicht zum Boden gewandt auf einem Teppich, wobei ihr Körper wiederum von einer Folge von Tierfellen – Wolf, Schaf, Bär – überdeckt ist. Angelehnt an Aesops Fabel „Der Wolf im Schafspelz“, oder auch in Hinsicht auf den durch Thomas Hobbes bekannt gewordenen Ausspruch „Homo homini lupus – Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, karikiert Isenstein hier nicht nur das Fluktuieren von Wahrheit und Täuschung einer nach außen gerichteten Gebärde – Isenstein maskiert und demaskiert zugleich. Durch das Hinzuziehen eines Schildes mit der Aufschrift "Will return" wie es zur Bekanntgabe von Ladenöffnungszeiten verwendet wird und die Abwesenheit der Künstlerin verkündet, changieren Jamie Isensteins Arbeiten zwischen Performance, Stillleben und Skulptur.

Die Gemälde von Uwe Henneken bilden eine Folge figurativer bis abstrahierter Selbstportraits, welche über die Aneignung fremder Posen und Rollen ihn selbst personifizieren. Der Maler erschließt seine Vorlagen hierbei aus kulturpolitischen, literarischen wie auch kunsthistorischen Kontexten, die ihm als fiktive Schablone wie auch als Synonym dienen, und eine Morphologie von Persönlichkeit und Geschichte umkreisen. Die hier von Henneken – auch aus eigenen Bildern – zitierten, und in einem abgewandelten Bezugsrahmen auftretenden Figuren (wie dem Schlemihl) referieren auf Grenzgänger, welche sich modellhaft mit der Konstitution imperialer Strukturen und der Lossagung von Limitation befassen. Mit dem Gemälde „Reite den Tiger“, welches an das von Julius Evola verfasste Buch „Cavalcare la Tigre – Den Tiger reiten“ anknüpft, umspannt Henneken nicht nur die der Literatur inhärente Metapher für ein das Selbst außer Acht lassendes Denken, sondern konterkariert gleichsam die ambivalente Denkstruktur des Anti-Modernisten wie auch Dadaisten Evola als Antagonismus des Selbst.

Die auf Zeichnung, Skulptur und Performance basierende Arbeit „House Arrest“ der Künstlerin Eva Kotatkova, befasst sich mit Möglichkeitsformen der Wahrnehmung des Selbst: in der Erprobung und Durchführung diffuser Posen und Gebärden, hat die Künstlerin eine Folge von Objekten generiert, welche – durch Zeichenskizzen kommentiert – zu surrealistischen Apparaturen und Raumgefügen entwachsen. Bücher, Möbel, wie auch Konstruktionen aus Holz und Metall formen so einen skulpturalen Korpus, welcher in Rückkopplung an eine Fülle freihängender, karikierter Zeichnungen, dem Betrachter subtile Handlungsanweisungen vermitteln. Kotatkova entlarvt hierbei das Selbst als modellhafte Hülse, welches – vom Korsett ihrer Installation umspannt – eine subjektbestimmte Positionierung des Selbst in Frage stellt.

Während Rimbaud der bloßen Sprache musikalische Eigenschaften zuordnet, formt in Heike Aumüllers Videobildern „Absence“ und „Blindlings“ die Akustik einer wortlosen, improvisierten Handlung die Komposition der dargestellten Szene. Die im Stillschweigen agierenden, zumeist maskierten Protagonisten – deren Körper als Instrument der jeweiligen Handlungsfolge dient – lassen außerhalb des grotesken Geschehens keine individuellen Merkmale sichtbar werden. Spezifisch hingegen ist das Interieur, in welches Aumüller die Statisten implantiert: der jeweilige Bildausschnitt zeigt einen von der Künstlerin temporär angeeigneten Raum, aus welchem letztlich die zum Teil improvisierte Performance hervorgeht, und sich nach dem Vollzug einer abstrusen Szene in der Funktion als Bühne auflöst.

Das palimpsestartige, fortwährende Überschreiben und Auslöschen des bereits Vorhandenen, wird schließlich mit der Musik und dem Konzert des Kammerflimmer Kollektiefs unterlegt. Als Erweiterung und Verknüpfung von Bildender Kunst und Musik spielt das 1996 von Thomas Weber gegründete Trio in der Woche während des Artforums am Freitagabend in unserer Galerie. Mit Instrumenten wie Elektrische Gitarre, Percussion, indischem Harmonium und reinem Stimm-Gesang, gestaltet die Gruppe ein nonverbales, synthetisches Klanggewebe, welches – auf einer Partitur beruhend, doch von Improvisation getragen – dem Hörer eine mäandernde Tonkomposition zwischen Suchen, Festhalten und Entschwinden des durch Laute intonierten Präsenten bietet.

Jonathan Monk bezieht sich in seinen selbstreferenziellen Arbeiten auf bereits bestehende Formkonzepte, die er als Applikation konkret auf seine Person anwendet und verfremdet. So hat sich der Künstler für die Fotoserie „Kiss Alive“ im Make-Up-Kodex der Hard-Rock-Band Kiss geschminkt, und seine Identität hinter einer symbolverhafteten Farbmaskerade unkenntlich gemacht. Für die Fotoarbeit „Everything in the World That Has Ever Be Seen“ hat Monk wiederum ein fotografisches Portrait von Giuseppe Penone reproduziert, welchem er im Bereich der Augenpartie – an Stelle Penones verspiegelter Kontaktlinsen – zwei konvex gewölbte, glänzende Ohrschmuckstecker hinzugefügt hat, deren Oberfläche den Galerieraum wie auch den Betrachter der Arbeit reflektieren.

Über die Transformation von Körperlichkeit und Raum erstellt Daniel Roth mit der Installation „Glaswaldsee“ auf unserem Messestand beim Artforum Berlin eine Verknüpfung von realen sowie imaginierten Orten: anhand der Medien Zeichnung und Fotografie fügt der Künstler hierbei dokumentierte wie auch erinnerte Blickwinkel aneinander, welche er als assoziative Bildfolge darlegt. Je nach Positionierung des Betrachters, spiegeln sich diese Bilder in der Oberfläche einer Bodenskulptur, die – als Erweiterung des Raumes und Projektionsfläche zugleich – die einzelnen Versatzstücke in der Perzeption des Betrachters zu einem narrativen Strang zusammen fügt und fortsetzt.

Jan Mancuska erzeugt hingegen mit seinen assoziativ im Raum zusammen gestellten sprachlichen oder bildhaften Fragmenten eine signaturhafte Beschreibung von Raum. Die auf dem Artforum präsentierte Installation „Bange vor dem zuerst Ausgedachten“ zeigt so eine Serie von Schaukasten ähnlichen Objekten, welche die darin vor Lichtquellen arrangierten Filmbildstreifen als Körper einer episodenhaft präsentierten Erzählung ausloten. Mancuskas Objekte, Interieurs und bildhafte Sentenzen erzeugen hierbei eine Dramaturgie, die sich in der Vorstellung des Betrachters zu fiktiven, cineastischen Sequenzen verdichtet. Der in unserer Galerie projizierte 16mm-Film „Double“ macht dies schließlich in der Überlagerung paralleler Handlungsebenen und dem Motiv des Doppelgängers evident.

Christina Irrgang

 

1 von 23, zurück - weiter

 

Installation view


Installation view
"Je est un autre", Berlin, 2009