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07.01.2011 - 26.02.2011, Berlin
I love Psycho
Silke Schatz
I love psycho
08.01.- 26.02.2011
I love psycho – mit ihrer ersten Einzelausstellung bei Meyer Riegger in Berlin taucht die Künstlerin Silke Schatz in die Psychoanalyse mit ihrem Traumverfahren ein und verknüpft diese quer durch die Medien poetisch mit ihren Erinnerungsräumen. Als historische Folie für die Ausstellung dienten der Künstlerin die Radiobeiträge von Vorlesungen Alexander Mitscherlichs zur Psychoanalyse aus dem Jahr 1973-75. Die geistige Instanz der deutschen Nachkriegsgeschichte und Schlüsselfigur für die Vermittlung der Forschung Sigmund Freuds erläutert dort zentrale Begriffe psychoanalytischen Denkens, wie die Übertragung. Der Projektion verwandt, ist diese als starkes psychisches wie zwischenmenschliches Phänomen für Schatz ein Scharnier zwischen den verwandten Vorgängen Traum und Erinnerung ihrer eigenen (Kindheits-)Geschichte und der menschlichen Selbstreflexion allgemein.
Die Ausstellung ist als erstaunlicher und spannender Parcours zwischen Traumerfahrungen und Erinnerungsbildern angelegt: Als Herzstück dienen eine ihrer bekannten großformatigen, transparenten Raumkonturzeichnung ihrer Kindheitswohnung (Mutter mit Fischstäbchen, Hannover, Müdener Weg 52, 3.Stock, 1.Whg rechts 1970-77 von 2010), sowie ein großes Holzmodell der Wohnräume auf einem maßgefertigten Tisch im Maßstab 1:23 cm,
(Wolf, Hannover, Müdener Weg 52, 3.Stock, 1.Whg rechts 1970-77 ebenfalls von 2010)
das nur durch die Fenster seitlich einsehbar ist.
Den schemen- wie lückenhaften Erinnerungen begegnen beide Arbeiten mit Versatzstücken und Leerstellen, so sind die Raum- und Gegenstandskonturen in der Zeichnung oder Schatten der erinnerten Möbel und Fantasieelemente durch dunkle Holzintarsien im Modell vergegenwärtigt.
Auf der Wandzeichnung überlagern sich drei Ebenen, eine isometrische Darstellung der Wohnung von oben, über der die möblierten Räume noch einmal nach außen gekippt gezeichnet sind. Als dritte Ebene am unteren Rand der Wandarbeit – quasi aus der Bildebene fallend – kommt ein figürliches Element hinzu: die Mutter der Künstlerin, die gemäß der Kindheitserinnerung in 1970er-Schlaghosen in der Küche steht, über der noch einmal sonnambul ihr schlafendes Gesicht hinzutritt.
Das unbehandelt belassene Holzmodell lädt auf Augenhöhe zum Hineinschauen und Schweifen des voyeuristischen Blicks aus verschiedenen Fensteröffnungen durch die Wohnung ein. In dieser zeichnen sich die Umrisse der Möbel flach als Intarsien an der Wand und dem Boden ab, der Flur wird zum dunklen Zugang, gläserne Wände aus Plexiglas nehmen in Schatz’ Erinnerung gelbe (Licht) und blaue (Dämmerung) Färbungen an.
Der Schattenriss eines Wolfes im Wohnzimmer mit langen Beinsilhouetten wird im sonst realistisch erinnerten Raum wahlweise zum Phantasma oder archetypischen, sexuellen Traummotiv.
Erstmalig hat Silke Schatz auch surreal und modellhaft anmutende, konkret figürliche Wandarbeiten
mit Sprühfarbe auf Spanplatte angefertigt, die unterschiedliche eigene Traumsequenzen zeigen.
Bei näherer Betrachtung werden die durch grelle, abstrakte Farbfelder visuell anziehenden Bildtafeln zu durchkomponierten und durch feine Linien demarkierten Darstellungsräumen mit in ihnen agierenden Figuren, da die Konturen eingeritzt und an Freiflächen die roh belassene Oberfläche sichtbar wird.
Kurze Titel wie Verräter oder nach Hause oder Martha schreit! (alle von 2010) beziehen sich auf Träume aus der Gegenwart und visualisieren fast überall die Künstlerin im Bild, zum Teil sogar mehrfach. Hinzu kommen auch ein erinnerter Blick aus der Kindheitswohnung oder verschiedene Zeitebenen, die einen Bogen zwischen eigener Kindheit und Jetztzeit schlagen. Beziehen die Raumkonturzeichnung und das Modell einerseits die eigene Blickposition mit ein, indem sie real erinnerte Gegenstände und nachvollziehbare Raumverhältnisse zeigen, so führen sie andererseits über die Figur in der Zeichnung und die Größenverhältnisse des Modells eine Verunsicherung der eigenen Perspektive mit sich, die sich durch die originären Bildkompositionen mit ihrer Farbigkeit noch verstärken, da sie fast psychedelisch ein Moment der Identifikation und Übertragung herbeiführen.
An einer weiteren Wand ist ein Kreuzspinnennetz raumgreifend aus Garn verspannt (Kreuzspinnennetz von 2010), das als emblematische Figur der Ausstellung funktioniert und doch auch nur Faden bleibt. Es hat ähnlich architektonische Qualitäten wie die Isometrien und ist eine abstrakte Struktur, wie das Gerüst einer Erzählung. Doch die Spinne, die ebenso wie der Wolf als archetypisches Motiv, die Mutter repräsentiert, fehlt.
Alle Arbeiten erhalten trotz ihrer persönlichen Erinnerungsmomente eine allgemein-menschliche und überzeitliche Dimension, die das psychoanalytische Verfahren als Übungen zum Traum veranschaulichen. Doch der griffige Titel legt nahe, dass Silke Schatz über die persönliche Erinnerungsfolie hinaus dem Thema auch eine (selbst)ironische Wendung verleiht: Denn sowohl das Annähern an das riesenhafte Modell, das einen selbst schrumpfen lässt, als auch der Blick auf die gekippten Räume und die stilisierten Figuren haben tragikkomische Aspekte und die Psychoanalyse ist als historische Disziplin und intellektuellste Therapieform schon längst in der westlichen Gesellschaft verankert.
Lilian Haberer
