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29.04.2011 - 02.07.2011, Berlin
Meuser, Daniel Roth, Corinne Wasmuht
Wir freuen uns, mit unserer während des Gallery Weekends präsentierten Ausstellung neue Arbeiten der drei Künstler Corinne Wasmuht, Meuser und Daniel Roth in unseren Berliner Galerieräumen zu zeigen. Das Projekt, gemeinsam auszustellen, ist aus der Kollegialität dieser drei Künstler entwachsen, die alle an der Karlsruher Kunstakademie unterrichten und ihre Arbeit und Arbeitsweisen gegenseitig schätzen. Neben der Dekonstruktion von Figur und Raum ist es vor allem der Dialog zwischen Realität, Fiktion und Konstruktion, der einen Ausgangspunkt für die Arbeiten von Corinne Wasmuht, Meuser und Daniel Roth bildet und sie in dieser Gemeinsamkeit der Betrachtung trotz unterschiedlicher Techniken auch miteinander verbindet.
Corinne Wasmuhts Malerei dokumentiert die Begegnung von Mensch, Raum und Struktur sowie die Überlagerung von Räumen und Handlungen: sie benennt Situationen und löst diese zugleich auf, indem die Künstlerin jene in ihren abstrakt-gegenständlichen Bildern ineinander verschränkt und konzeptuelle Raumkontexte erzeugt. Wasmuhts Bildansatz ist dabei oftmals ein gesellschafts-politischer. Während ihre großformatigen Ölbilder in vielen Ausstellungen der jüngeren Vergangenheit zu sehen waren, richten wir in unserer Ausstellung nun den Blick auf einen noch weitestgehend unbekannten Aspekt ihres Werkes, der für ihre Malerei grundlegend, doch autonom davon zu betrachten ist.
Seit 1986 akkumuliert Corinne Wasmuht in einem thematisch geordneten Archiv ein zeitgenössisches Bildgedächtnis, das sich aus fotografischen Medienbildern – unter anderem aus Wissenschaft, Kunst und Populärkultur – speist. Aus dieser Bildersammlung hat die Künstlerin eine Vielzahl an Collagen angefertigt, die sie bereits während ihres Studiums an der Düsseldorfer Kunstakademie begonnen hat, seither fortführt und so fortwährend neue Bildzusammenhänge formuliert. Die bis zum Jahr 2000 vollendeten Collagen wurden von der Künstlerin in drei Blöcke unterteilt, von denen einer – bestehend aus 150 Arbeiten – erstmals in unserer Ausstellung zu sehen ist.
Dieser kleinformatigen Bildfolge – jede Collage misst das Format DIN A4 – wird in unseren Galerieräumen eine aktuelle Malerei der Künstlerin gegenüber gestellt. Während Wasmuht in den Collagen aus Einzelbildern zusammen gefügte Bildzusammenhänge hervorruft, entstehen diese in ihrer Malerei in der Dekonstruktion des Figurativen und in der Schichtung und Durchdringung von Farbe – als eine malerisch-konzeptuelle Aneignung von Bildmaterial. Die von Corinne Wasmuht verwendeten Bildelemente weiten dabei den Raum des Bildträgers, wie auch jenen der immanenten Narration des Bildes. Perspektivischer und dialogischer Tiefenraum des Bildes bestehen so gleichsam als Kulminations- und Ausgangspunkt ihrer fragmentarisch geschilderten, der Wirklichkeit entlehnten, doch in sich konstruierten Bildsituationen.
Die Skulpturen von Meuser gewinnen ihre Form aus der Wirklichkeit, die sie in ihrer konkreten, spröden Gestalt auf ein metallenes Gerippe reduzieren und dem wirklichen Kontext, dem sie entspringen, eine neue Denkrichtung verleihen. Sie rahmen Wirklichkeit und Konstruktion, indem ihr Material dem Alltag entstammt, in der Gestalt jedoch nur eine Referenz zum Alltäglichen und zum Funktionalen bildet, angelehnt daran, ja losgelöst von diesem erscheint und ein gängiges Formenvokabular nahezu abstrahiert und dekonstruiert.
Meusers Arbeitsmaterial besteht aus Stahl, oftmals vom Schrott, das der Künstler gefunden hat und dem er in einem neuen Bezugsrahmen zu einem Eigenleben verhilft. Umformung, Farbe und Sprache ist hierbei entscheidend. Die mitunter kräftige Farbgebung seiner Objekte grenzt dabei an Malerei, die aber – von der Leinwand losgelöst – als autonomes Objekt den Raum beschreibt. Meusers Objekte forcieren die Öffnung des Bildformats, ohne dabei Bild zu sein. Vielmehr sind sie Kontur, sind ihr Material und ihre Form und benennen in ihrer puren Gestalt das Konstruktive, das Meuser sich selbst überlässt – und gar oftmals durch einen der alltäglichen Rhetorik entlehnten Titel dem Objekt eine eigene Narrativität und Rhetorik verleiht.
Die in unseren Galerieräumen präsentierten Skulpturen, das Diptychon „Schälrippchen mit Lampe“ sowie „Orang-Utan (Alles Banane)“, hat der Künstler für diese Ausstellung angefertigt.
Daniel Roth generiert installative Erzählungen, die er in ganzen Raumgefügen entlang der Medien Objekt, Zeichnung, Fotografie und Film ausführt. Von der Realität ausgehend und ins Fiktionale mündend schildert Roth in Bezugnahme zu Literatur, Wissenschaft und Geografie Verbindungen von Orten, die er in seinen Rauminstallationen aufnimmt, assoziativ rekonstruiert und imaginär – als Verknüpfung von Fiktionen – fortführt. Oftmals arbeitet der Künstler mit gefundenen Naturmaterialien, die er einer konkret haptischen oder konzeptuellen Formwandlung unterzieht und als Referenz an das außerhalb des narrativen Raumes Liegende in seine installativen Bezugssysteme integriert.
In unseren Galerieräumen zeigen wir Auszüge aus der Installation „Encounters at a possible end of the inner chambers“. Die Arbeit nimmt ihren Anfang in einer Fotografie, die eine kreisrunde Öffnung im Erdboden in einen Erdraum hinein mündend zeigt. Der Erdraum und der Blick in ihn hinein dokumentiert den temporären Durchbruch der europäischen Erdkruste, den Roth als episodisches Ereignis beschreibt und in einer Folge an Zeichnungen und einer weiteren Fotografie assoziativ fort denkt. Eine Wandinstallation aus Holzstöcken und Metall steht in Korrespondenz mit einer darunter gelegten architektonischen Wandzeichnung, die den vorgestellten Ort – eine Verknüpfung von unterirdischen imaginäre Museen – in eine Skizze im Ausstellungsraum überführt. Ein 16-mm-Film zeigt eine weiß verputzte, in ihrer Oberflächenstruktur zerklüftete Wand, die partiell beleuchtet ist. Aus der Wand dringt wiederkehrend aus einem Loch ein dünnes Röhrchen, dessen Schattenwurf einen geometrischen Linienverlauf auf der beleuchteten Wandpartie hinterlässt, während der aus dem Röhrchen geblasene Rauch weiße Schlieren auf dem schattigen Wandgrund entfaltet. Diese Einstellung wechselt sich mit einem die Vorder- und Rückwand abtastenden Kamerablick ab, und wechselt so auch zwischen der materialen Bestandsaufnahme der Wand einerseits, und dem sich körperhaft im Raum ausdehnenden Rauch andererseits. Der menschliche Körper hingegen nimmt im Kontext der Rauminstallation eine abstrahierte, anthropomorphe Gestalt an, der sich in einer frei stehenden Plastik aus Baumrinde im Raum materialisiert und in Daniel Roths generiertem Gefüge als Synonym für eine imaginäre Landschaft auftritt.
Christina Irrgang
